Sommerloch
Es war einer dieser extrem heißen Sommertage. Die Luft flimmerte über dem Asphalt und ließ Phantasiegebilde entstehen.
"Pass auf, Papa", hatte meine Tochter gesagt, "denk an die Sommerlöcher."
Ich nickte ihr grinsend zu, schnallte den Helm um und schwang mich auf das Mountainbike.
"Keine Sorge, Prinzessin", rief ich ihr zu und steuerte das Rad aus dem Hof.
"Bis später !"

Warmer Wind strich mir entegegen, die dicken Profilreifen sangen eine wohklingende Melodie auf dem Straßenbelag.
Rundum zufrieden drückte ich den Knopf des mp3-Players und spürte das Adrenalin durch den Körper strömen, als die Beats meine Trommelfelle erreichten. Schnell ließ ich die Häuser hinter mir und rollte über einsame Asphaltpisten dem Wald entgegen.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als die kleine Straße eine enge Kurve beschrieb und ich die Bremse betätigte, um in angemessener Geschwindigkeit die Kehre zu nehmen.
Zu spät war das Loch in der Fahrbahn zu erkennen, das sich plötzlich unmittelbar hinter der Biegung vor mir auftat. Die kraftvolle Betätigung der Hebel hatte zur Folge, dass die Räder blockierten und ich in einem eleganten Bogen über mein Bike katapultiert wurde. Im Ansatz des unfreiwilligen Kopfsprunges sah ich die Straßenöffnung auf mich zukommen, als mich Dunkelheit verschluckte. Es mochten nur wenige Sekunden Fall vergangen sein, als ich unsanft aber nicht hart aufschlug. Irgend etwas hatte meinen Sturz gedämpft.

Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass der Boden mit Unmengen von Stroh bedeckt war. Meine Ellenbogen schmerzten, offensichtlich hatten sie unter dem Aufprall leiden müssen. Ich spähte nach oben und sah über mir die Öffnung, durch die ich gestürzt war. Unerreichbar weit - es mochten gut und gerne 20 Meter sein.
Der höhlenartige Raum, in dem ich mich befand, schien gewaltige Ausmaße zu haben. Wände oder andere Begrenzungen waren auf den ersten Blick nicht auszumachen. Vorsichtig versuchte ich aufzustehen und bemerkte erleichtert, dass nichts gebrochen zu sein schien.

"Willkommen in deinem Sommerloch !"
Erschrocken fuhr ich herum und erspähte in einiger Entfernung eine kleine Gestalt, die sich hinter einem tischartigen Gebilde räkelte.
"Tritt näher und nimm Platz, mein Freund"

Ich schlurfte zu dem Wesen und bezog auf dem strohbedeckten Boden gegenüber Position. Das Männlein schien mir von kleiner Statur zu sein, offensichtlich sehr betagt und das Gesicht kaum auszumachen, wurde es doch von einem wild wuchernden, weißen Bart nahezu vollständig verdeckt. Lediglich zwei fröhliche Augenpaare blickten mich neugierig an.

"Na, hättest du mal auf deine Tochter gehört", sagte das Wesen.
Ich seufzte und nickte mit dem Kopf.
"Ja, in solchen Dingen hat sie wohl seherische Fähigkeiten."

Der Alte verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen und zog zwischen den Falten seiner Kutte ein Kartenspiel hervor. "Five Card Draw ?", fragte er und ließ die Karten zwischen seinen Fingern tanzen.
Ich dachte kurz nach, lag doch meine Pokerzeit schon lange zurück. Landschulheim 1982 mochte es gewesen sein.
"Ist das die Variante mit 5 verdeckten Karten und 3 Tauschrunden ?", fragte ich. Er nickte und begann auszuteilen.

"Du spielst nicht - wie kommt das ?", hakte er nach.
"Naja, schlechte Erfahrungen gemacht", antwortete ich.
"Erzähle mir davon", forderte er mich auf.
"Es war diese Sache, als meine Freundin mal aufschnappte, wie ich von Sabine und Michaela schwärmte."
Der Alte runzelte fragend die Stirn.
"Naja, ich erklärte ihr, dass es sich um ein Damenpärchen handeln würde, mit dem ich vergangene Nacht die Pokerrunde gewinnen konnte."
"Ja und ?"
"Als ich am nächsten Tag nach Hause kam, erwartete mich meine Freundin mit einem Koffer in der Hand - das Damenpärchen hatte angerufen..."
Der Alte grinste, "Verstehe."

Das Spiel begann und die Siegerfront wechselte ständig. Im letzten und entscheidenden Durchgang war mir das Glück hold.
Ich zog die grüne 4 und eine “Du kommst aus dem Gefängnis frei”- Karte, er erwischte den schwarzen Peter und warf wutschnaubend das Blatt auf den Tisch. "Ok, du hast gewonnen."

Erleichtert wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Im nächsten Moment fand ich mich auf der Straße wieder. Mein Bike nur wenige Schritte von mir entfernt und weit und breit keine Straßenschäden zu erkennen.

Ich schwang mich auf das Rad und trat den Heimweg an. Keine Silbe über mein Erlebnis zu Hause.
Eines ist gewiss: Künftig werde ich meiner Tochter mehr Gehör schenken und mich mit offenen Augen durch die Landschaft bewegen.

© by P.H.