Entschleunigung
Der Wind weht durch die offene Halle des Bahnhofes. Fröstelnd vergräbt er die Hände in den Taschen des Mantels und lässt den Blick schweifen.
Einzelne Reisende bevölkern die Bahnsteige.
Welche Geschichte wohl jeder von ihnen zu erzählen hätte?
Der Student mit einem Koffer voller Kleidung, die die heimische Waschmaschine am Wochenende bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit strapazieren wird.
Die junge Frau auf dem Weg zu ihrem Freund, den es berufsbedingt an einen fernen Ort verschlagen haben mag.
Das Paar, das die letzten Minuten vor dem drohenden Abschied, wehmütig ineinander versunken, dem baldigen Wiedersehen entgegenfiebert.

Schnarrend plärren Durchsagen durch die Halle.
Stählerne Ungetüme fahren ein und spücken Menschen aus.
Menschen, die geschäftig Ziele ansteuern.
Menschen werden wiederum von öffnenden Türen verschluckt.

Wie kostbar der Gedanke an Zeit.
"Nein, ich nehme eine andere Linie."
"Vielleicht auch nicht."
"Ach, ich bleibe einfach hier."

Entschleunigung in einer beschleunigten Zeit.

Henry Ford sagte mal:
"Der größte Feind der Qualität ist die Eile."

Wenn er auch an Tin Lizzy dachte, die Zeit kann es gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen.

© by P.H.